Marš Mira 2025 – Erinnerung als Haltung

Eine persönliche Erzählung vom Friedensmarsch nach Srebrenica

von Erkan Inan, aus dem ausARTen-Kollektiv

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Ein Weg, der weitergeht

Es war kein gewöhnlicher Weg. Kein Pilgerweg, kein Protestmarsch, keine sportliche Herausforderung. Der Marš Mira ist ein Gehen, das tiefer geht. Ein Gehen, das die Haut aufreißt, die Geschichte atmen lässt und das Herz schwer und weit zugleich macht. Es ist ein Gehen mit Erinnerung im Gepäck – und mit der Hoffnung im Blick.

Vom 8. bis 10. Juli 2025 bin ich gemeinsam mit meinem Freund und Kollegen Kornelio Papić den Friedensmarsch nach Potočari gegangen – 120 Kilometer. Drei Tage. Durch Wälder, Dörfer, Berge, über Schlamm, durch Stille. Und mitten durch ein kollektives Gedächtnis, das niemanden unberührt lässt.

Wir gingen als Beobachtende, als Lernende, als Söhne und Enkel von Vertriebenen. Als Teil eines Gedenkens, das nicht rückwärtsgewandt ist, sondern nach vorne weist.

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Woher wir kommen

Meine Urgroßeltern mütterlicherseits mussten Bosnien vor über 100 Jahren verlassen – flüchteten vor Hunger, Verfolgung, Gewalt. Sie kamen nie wieder zurück. Und doch: Auf diesem Weg schienen sie plötzlich neben mir zu gehen. Ihre Geschichte war nicht Vergangenheit, sie war gegenwärtig. In jedem Schritt.

Kornelio, dessen Großmutter aus Bosnien stammt, erlebte diesen Marsch als Rückkehr. Und als Zeichen der Liebe und des Respekts für sie – für ihre Geschichte, für ihre Verluste, für ihr Überleben. Vielleicht waren wir deshalb so still. Vielleicht auch deshalb so klar in unserem Warum.

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Für die, die 1995 flohen – und nie ankamen

Wir gingen für jene, die damals flohen: rund 15.000 Menschen, die sich im Juli 1995 durch die Wälder in Richtung Tuzla retteten – voller Panik, ohne Nahrung, ohne Schutz. Auf der Flucht vor dem, was Europa seinen dunkelsten Moment seit dem Zweiten Weltkrieg nennen würde.

Für die 8.372, die ermordet wurden. Für ihre Familien. Für ihre Namen. Für ihre Geschichten.

Und vielleicht auch: für uns. Damit wir begreifen, was Erinnern bedeutet.

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Schritte in Gemeinschaft

Der Weg begann in Spannung auf das, was kommen würde. Die Sonne brannte. Später kamen Regen, Matsch, Kälte. Schuhe wurden schwer, Schultern müde. Und doch – wir wurden getragen. Von den Menschen um uns. Von einer Kraft, die größer war als wir selbst.

Menschen mit verschiedensten Geschichten, Sprachen und Glaubensrichtungen: bosnische Musliminnen, Christinnen, Jüdinnen, Atheistinnen, Andersgläubige. Junge und Alte. Menschen aus Bosnien und anderen Teilen Ex-Jugoslawiens – ebenso wie aus der ganzen Welt: aus Deutschland, Holland, England, Spanien, Kroatien, Serbien, Slowenien, den USA, Indien, Palästina, Ost-Turkestan, der Türkei und vielen weiteren Ländern.

Was uns verband, war nicht Herkunft. Es war Haltung. Der Wille, sich zu erinnern. Der Mut, sich zu zeigen. Die Hoffnung, gemeinsam zu heilen.

Denn dieser Weg gehörte niemandem allein – und doch uns allen.

Es gab nicht viele Worte. Aber es gab viele Blicke. Viele Gesten. Wasserflaschen, die gereicht wurden. Hände, die halfen. Geschichten, die erzählt wurden – und solche, die einfach im Schweigen blieben.

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Hasan – der, der trägt

Und dann war da Hasan Hasanović. Überlebender des Genozids. Mitläufer des Marsches. Mensch voller Schmerz und Kraft. Er ging mit uns. Nicht, weil er muss. Sondern, weil er es nicht anders kann.

Er verlor 1995 zwei Brüder. Seiner Mutter versprach er: Zwei sollen überleben. Nur er schaffte es. Einen der Brüder trug er tot bis zur Grenze, damit sie ihn nicht allein zurücklassen musste. Dieser Bruder – Hasib Hasanović – wurde später als erstes namentlich identifiziertes Opfer von Srebrenica bestattet.

Hasan ging vor uns, neben uns, mit uns. Und sagte uns:
„Wir sollen nicht hassen – aber wir dürfen niemals vergessen.“

Diese Worte trugen wir weiter. Sie sind geblieben.

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Potočari – die stille Ankunft

Am dritten Tag wurde der Marsch leiser. Nicht nur, weil die Kräfte schwanden, sondern weil sich etwas näherte. Etwas, das größer war als Müdigkeit. Größer als wir.

Tausende Menschen standen am Straßenrand, als wir Potočari erreichten. Alte Frauen. Kinder. Überlebende. Ihre Blicke sagten: Willkommen. Danke. Ihr habt uns nicht vergessen. Sie schauten uns an, als wären wir die Rückkehrer – als würden wir jene heimbringen, die nie zurückkamen. Eine tiefe Demut überkam uns, und es fiel uns schwer, nicht in Tränen auszubrechen.

Wir fragten uns: Was haben wir schon geleistet – wir, die auf dem Weg alles hatten, im Vergleich zu denen, die 1995 nichts hatten außer ihrer Angst und dem Wunsch zu überleben? Und dennoch verstanden wir, was es für diese Tausenden am Wegesrand bedeutete, dass 8.000 Menschen heute diesen Weg gingen – als Zeichen, als Versprechen.

Und ein stilles Gefühl von Verantwortung blieb: Wir tragen weiter, was sie nicht mehr sagen können.

Und wir wussten: Unser Gehen war ihr Gehörtwerden.

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11. Juli – 30 Jahre danach

Der 11. Juli 2025. Fünfzig Jahre nach der Befreiung von Auschwitz geschah das, was heute dreißig Jahre zurückliegt: der Genozid von Srebrenica. Und immer noch geschehen Völkermorde – mitten unter uns, in dieser Welt, die sich oft taub stellt.

Ein Tag der Stille. Ein Tag des Schmerzes. Ein Tag der tiefen Einsicht: dass wir erinnern müssen, weil Vergessen eine Entscheidung ist. Dass wir mahnen müssen, weil Gleichgültigkeit zum Verbrechen wird. Dass Menschlichkeit nicht selbstverständlich ist, sondern gelebt, geschützt und verteidigt werden muss – Tag für Tag.

Ein Tag des Wissens – dass wir alle miteinander verbunden sind. Dass Menschsein eine Haltung braucht. Dass Erinnerung ein Akt der Liebe ist. Und dass aus der Erinnerung ein Aufschrei wird: Sei Mensch!

Und: Ein Tag der Würde.

Zum ersten Mal wurde der Internationale Tag des Gedenkens an den Genozid von Srebrenica offiziell begangen – beschlossen von der UN im Jahr 2024.

150.000 Menschen versammelten sich in Potočari. Sie beteten, erinnerten, weinten. Und sie beerdigten:

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Die Namen, die bleiben

  • Senajid (Husein) Avdić, geb. 1976 – ermordet 1995 mit 19 Jahren
  • Hariz (Ramiz) Mujić, geb. 1976 – ermordet 1995 mit 19 Jahren
  • Fata (Huso) Bektić, geb. 1928 – ermordet 1995 mit 67 Jahren
  • Hasib (Adem) Omerović, geb. 1961 – ermordet 1995 mit 34 Jahren
  • Sejdalija (Alija) Alić, geb. 1961 – ermordet 1995 mit 34 Jahren
  • Rifet (Mustafa) Gabeljić, geb. 1964 – ermordet 1995 mit 31 Jahren
  • Amir (Ibrahim) Mujčić, geb. 1964 – ermordet 1995 mit 31 Jahren

Ein Vater wurde neben seinem Sohn beerdigt. Ein Bruder neben seinem Bruder. Eine Mutter – drei Jahrzehnte später – endlich zur Ruhe gebracht.

Am 12. Juli, dem Tag nach dem Gedenktag, werden in Potočari jedes Jahr Gräber erneut geöffnet, um neu identifizierte Körperteile beizusetzen. Auch 2025 geschah das – bei 80 Gräbern. Einige wurden bereits zum zweiten oder dritten Mal geöffnet. Was für ein unvorstellbarer Schmerz für die Angehörigen. Und noch immer sind viele Vermisste nicht gefunden. Vielleicht werden sie es nie.

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2025 – Erinnerung als Ritual

Erinnerung braucht Rituale. Orte. Menschen. Worte. Und manchmal: Schritte. Viele. Wieder und wieder.

Deshalb widmen wir von ausARTen – Perspektivwechsel durch Kunst das Jahr 2025 dem Thema „Ritual“. Erinnerung ist kein Rückblick. Sie ist Haltung. Verantwortung. Widerstand.

Unsere Teilnahme am Marš Mira war Teil dieses Rituals. Und wird es bleiben.

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Ein leiser Dank

Wir danken allen, die mit uns gegangen sind. Allen, die getragen haben. Geteilt. Geweint. Geschwiegen. Gelächelt.

Wir danken den Menschen in den Dörfern.
Den Kindern mit Himbeeren am Straßenrand, die uns so herzlich anboten, was sie hatten.

Den alten Frauen mit dem starken bosnischen Kaffee.

Den Sanitäter*innen, die halfen, bevor man um Hilfe bitten musste.

Den Familien, die uns Rast, Wärme und Menschlichkeit gaben – ohne viele Worte, aber mit offenen Herzen.

Wir danken Sejfudin, der unsere Gruppe mit Herz, Übersicht und großer Umsicht führte.

Kübra, die diesen Weg bereits zum fünften Mal ging – und uns, trotz Regen, Matsch und Erschöpfung, mit ihrer Energie, ihrem Mut und ihrer Fürsorge trug.

Bosnienreport, die mit großem Einsatz und reinem Ehrenamt sichtbar machen, was andere übersehen – für all jene, die nicht mehr sprechen können. Ihre Arbeit ist unbezahlbar und von unschätzbarem Wert.

Hasan Hasanović, der nicht nur teilte, sondern trug – seine Geschichte, seine Verluste, seine stille Stärke. Seine Worte bleiben mit uns: „Wir dürfen nicht hassen. Aber wir dürfen niemals vergessen.“

Maida, bei der wir nicht nur ein Dach über dem Kopf fanden, sondern ein Gefühl von Zuhause – voller Wärme, Vertrauen und Menschlichkeit.

Recai, der mit seinem ruhigen Tempo immer wieder an uns vorbeizog – und dabei jedes Mal ein Lächeln, ein gutes Wort und ein Stück Leichtigkeit hinterließ.

Christine Schmitz, die 1995 als Mitarbeiterin von Ärzte ohne Grenzen direkt vor Ort war – und die mit uns teilte, was sie damals sah, fühlte und erlebte. Ihre ruhigen, ehrlichen Worte haben uns tief berührt. Sie half uns zu verstehen, wie nahe Schmerz und Hoffnung beieinander liegen – und wie wichtig es ist, Zeug*in zu sein und zu bleiben.

Wir danken allen aus unserer Gruppe – ihr seid für uns Gold.

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Elhamdulillah

Wir empfinden tiefe Dankbarkeit und Demut, dass wir Teil dieses Weges sein durften.

Denn:

Wer antimuslimischen Rassismus verstehen will, muss Srebrenica verstehen.

Und wie Hasan sagte:

„Wir dürfen nicht hassen. Aber wir dürfen auch nie vergessen.“

Danke, dass wir diesen Weg gemeinsam gehen durften.
– Kornelio & Erkan

Ein persönlicher Dank von Erkan:

Kornelio – mein Freund, mein Arkadaş.
Danke, dass wir diesen Weg gemeinsam gegangen sind. Trotz schmerzender Knie, Blasen an den Füßen und der Schwere in unseren Herzen wussten wir immer: Wir können uns aufeinander verlassen.

Und ja – wir sahen aus wie Zwillinge. Gleiche Ausrüstung, gleicher Rhythmus, gleicher Wille. Ein paar Lacher inklusive. Schön, dass wir das miteinander geteilt haben: die Schritte, die Stille, die Gespräche, das Gedenken. Hvala ti, brate, što smo išli rame uz rame.

Grußwort für das AusARTen-Festival

Liebe Münchnerinnen, liebe Münchner, das AusARTen-Festival wirbt für einen gesellschaftlichen Perspektivwechsel mit Hilfe von Kunst und Kultur. Es hat zum Ziel, mit den Teilnehmenden neue Wege zu erkunden, wie sich Freiheit, Toleranz und Akzeptanz erkämpfen lassen, auch und gerade für Mitmenschen, die von Diskriminierung, Rassismus und Ausgrenzung betroffen sind. Wie wäre unsere Gesellschaft frei von Rassismus und Hass?, diese Frage schafft einen Möglichkeitsraum, in dem ohne Zwänge und Ängste reale Utopien erdacht und religiöse und kulturelle Grenzen überwunden werden. Dabei haben die jungen Akteurinnen und Akteuren die Möglichkeit, sich vorurteilsfrei zu begegnen und kulturübergreifend voneinander zu lernen. Die Landeshauptstadt München unterstützt das AusARTen-Festival. Besonders erfreulich ist der inklusive Ansatz. Als visionäres und intersektionales Festival findet es dieses Jahr bereits zum sechsten Mal statt. Ich freue mich, dass ich als Bürgermeisterin die Schirmpatenschaft für AusARTen übernehmen darf. Ein besonderes Festival wünscht Ihnen Katrin Habenschaden Bürgermeisterin