Der Pass meines Vaters
30 Jahre Srebrenica & War Childhood Museum
Am 16. Mai 2025 fand in der Münchner Karmelitenkirche eine besondere Gedenkveranstaltung anlässlich des 30. Jahrestags des Genozids von Srebrenica statt. Eingeladen waren drei außergewöhnliche Stimmen der Erinnerungskultur: die Künstlerin Aida Šehović, der Überlebende und Autor Hasan Nuhanović und Jasminko Halilović, Gründer des preisgekrönten War Childhood Museum in Sarajevo.
Dieser Abend stand ganz im Zeichen der Frage: Wie erinnern wir uns? – und was bedeutet Erinnern heute, drei Jahrzehnte nach dem Verbrechen von Srebrenica, mitten in Deutschland, in München.
Ein unscheinbarer Pass – und eine ganze Welt
Jasminko Halilović brachte einen Gegenstand mit, der die Menschen im Raum tief bewegte: „Der Pass meines Vaters“.
Ein unscheinbares Dokument, und doch ein Zeugnis von Liebe, Verlust und unfassbarem Leid. Der Pass erzählt die Geschichte eines Mannes, der als Gastarbeiter in Deutschland und Kroatien auf Baustellen arbeitete, um seiner Familie ein besseres Leben zu ermöglichen. Wochenlang war er fort – und doch brachte er bei jeder Heimkehr nicht nur Geschenke mit, sondern auch Wärme und Fürsorge.
Im Sommer 1995 floh er gemeinsam mit seinem Sohn aus Srebrenica. Sekunden entschieden über Leben und Tod: Der Sohn überlebte, der Vater wurde Jahre später in einem Massengrab gefunden. Was blieb, war der Pass – getragen von der Mutter durch Flucht und Schmerz.
Heute ist er Teil der Sammlung des War Childhood Museum. Dort liegt er nicht nur als persönliches Erinnerungsstück, sondern als kollektives Zeugnis für uns alle.
Hasibs Geschichte
Der Sohn, Hasib, erzählt:
„Mein Vater arbeitete oft auf Baustellen in Deutschland und Kroatien. Wir Kinder liefen ihm jedes Mal mehrere Kilometer entgegen, wenn er nach Hause kam. Einmal brachte er uns einen Videorekorder mit – der einzige im Dorf. Erwachsene sahen Volksmusik, wir Kinder Cartoons.
Am 11. Juli 1995 mussten wir fliehen. Ich war fünfzehn Jahre alt. Mein Vater wollte mich auf dem Weg durch den Wald ins freie Gebiet begleiten. Er holte Wasser für die lange Strecke, doch als er den zweiten Kanister füllen ging, musste unsere Kolonne weiterziehen. Ich ging ohne ihn weiter. Wir gerieten in einen Hinterhalt, ich verlor alle aus den Augen. Nach Wochen zu Fuß erreichte ich das freie Gebiet – allein. Später erfuhr ich, dass mein Vater nicht überlebt hatte. Erst 2006 wurde er in einem Massengrab gefunden.
Dies ist sein Pass. Meine Mutter trug ihn bei sich. Er ist von unschätzbarem Wert. Deshalb vertraue ich ihn dem Museum an.“
Erinnern als Verpflichtung
Das War Childhood Museum sammelt Gegenstände von Kindern, die Krieg erlebt haben – ob Puppen, Zeichnungen oder eben ein Reisepass. „Wir lehnen keinen Gegenstand ab, der für ein Kind im Krieg bedeutend war“, erklärt Halilović.
Was in Sarajevo begann, setzt sich heute weltweit fort: auch in Kiew, in Gaza und anderen Orten, an denen Kinder im Krieg aufwachsen müssen. Denn die Erfahrungen von Kindern sind universell – und verdienen Sichtbarkeit.
Der Abend in München machte deutlich:
Die Geschichten von Srebrenica sind keine Geschichten „der anderen“. Sie sind Teil unserer gemeinsamen Geschichte. Sie gehören zur Erinnerungskultur in Deutschland. Sie sind verwoben mit den Biografien der Gastarbeiter*innen-Generationen – und mit der Verantwortung, die uns alle betrifft: Erinnern. Erzählen. Handeln.
ausARTen – Perspektivwechsel durch Kunst erinnert in München nicht nur an den Genozid von Srebrenica, sondern macht sichtbar, dass diese Geschichten Teil unserer Gesellschaft sind. Dass sie uns heute verpflichten.
