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Kunst als Erinnerung – Selbstermächtigung und neue Wege des Gedenkens nach Srebrenica

Adobe Stock – Potocari, Bosnia and Herzegovina – July 31, 2019. Site of Memorial to genocida in Srebrenica and Potocari, ©marketanovakova
Panel und Vernissage zur Ausstellung Spatium Memoriae [ŠTO TE NEMA]
Datum: 16. Mai 2025
Einlass: 18:30 Uhr
Panelbeginn: 19 Uhr
Ort: Karmelitenkirche St. Nikolaus
PANEL IN ENGLISCHER SPRACHE mit deutscher Übersetzung
Im Anschluss: Stehempfang und Eröffnung der Ausstellung
Im 30. Jahr nach dem Srebrenica-Genozid, bei dem 8.372 bosniakische Männer und Jungen ermordet wurden, laden wir Sie zu einem Panel und der Eröffnung der Ausstellung „Spatium Memoriae [ŠTO TE NEMA]“ ein. Der Genozid von 1995 bleibt eines der schwerwiegendsten Verbrechen in der europäischen Geschicht, 80 Jahre nach dem zweiten Weltkrieg. Doch wie können wir uns an diese Tragödie erinnern, und wie können wir Erinnerung und Gedenkkultur heute und in der Zukunft gestalten?
Erinnerung ist nie nur ein passiver Prozess – sie ist immer auch ein aktiver Akt der Selbstermächtigung. Wie können wir als Gesellschaft und als Individuen aktiv an der Konstruktion von Erinnerung teilnehmen? Welche Rolle spielen dabei Museen, künstlerische Interventionen und der öffentliche Raum als Plattformen, die kollektive Erinnerungen nicht nur bewahren, sondern auch transformieren? Wie können Autor*innen, Aktivist*innen und Künstler*innen Erinnerungsprozesse in die Hand nehmen, um die Vergangenheit in die Gegenwart zu holen und sie für die Zukunft zu bewahren?
Moderiert von Erwin Aljukić, wird das Panel von folgenden Referent*innen bereichert:
- Aida Šehović – Künstlerin und Gründerin der Organisation „ŠTO TE NEMA“, die ein nomadisches Denkmal für die Opfer des Srebrenica-Genozids ins Leben gerufen hat. Aida wird aufzeigen, wie künstlerische Interventionen in den öffentlichen Raum als Werkzeuge der Selbstermächtigung und des Gedenkens dienen können, indem sie den Prozess des Erinnerns neu gestalten und für die Gemeinschaft zugänglich machen.
- Hasan Nuhanović – Überlebender des Srebrenica-Genozids und engagierter Menschenrechtsaktivist. Hasan wird die Rolle von individuellen Erinnerungen und der Ermächtigung durch das Erzählen von Überlebensgeschichten thematisieren und darüber sprechen, wie persönliche Erfahrungen zu einem kollektiven Gedenken beitragen können, das die Selbstbestimmung der Opfer und ihrer Nachkommen in den Mittelpunkt stellt.
- Jasminko Halilović – Gründer des War Museums in Sarajevo, ausgezeichnet mit dem European Museum of the Year Award. Halilović wird die Bedeutung von Museen als Orte der Selbstermächtigung für Überlebende und ihre Familien erörtern und diskutieren, wie Museen und archivarische Arbeit Erinnerungen als aktive, transformative Prozesse gestalten können.
In diesem Panel werden wir ergründen, wie Erinnerung nicht nur ein passiver Rückblick auf die Vergangenheit ist, sondern ein aktiver Akt der Selbstermächtigung, der durch Kunst, Erzählung und institutionelle Arbeit ständig neu gestaltet werden muss. Welche Wege gibt es, um kollektive Erinnerungen lebendig zu halten und sie so zu gestalten, dass sie auch in einer post-traumatischen Gesellschaft als Heilung und Widerstand wirken?
Seid dabei und beteiligt euch an einem Dialog über die aktiven Formen des Gedenkens, in denen Erinnerung nicht nur als passiver Akt, sondern als Instrument der Selbstermächtigung verstanden wird, das uns als Gesellschaft in die Zukunft führt.
Portrait of Aida Šehović in Sarajevo by Armin Durgut in 2024. © Aida Šehović
AIDA ŠEHOVIĆ
Aida Šehović (geboren 1977 in Banja Luka, Bosnien und Herzegowina) nutzt Kunst als Werkzeug, um Modelle für kollektives Erinnern, Heilen und Widerstand zu schaffen. Zu Beginn des Krieges im Jahr 1992 gezwungen, ihre Heimat zu verlassen, lebte sie zunächst als Geflüchtete in der Türkei und in Deutschland, bevor sie 1997 in die Vereinigten Staaten emigrierte. Sie schloss ihr Bachelorstudium 2002 mit Auszeichnung an der University of Vermont ab und erwarb 2010 ihren Master of Fine Arts am Hunter College als Stipendiatin des Jacob K. Javits-Programms.
Sie ist Gründerin und Betreuerin von ŠTO TE NEMA, einer gemeinnützigen Organisation, die sich der Vorstellung und dem Aufbau einer Welt ohne Genozid widmet. Ihre Arbeiten wurden unter anderem in der Art Gallery of Western Australia, im Kanadischen Museum für Menschenrechte, im Kunsthaus Dresden, im Historischen Museum von Bosnien und Herzegowina, im Queens Museum, im KRAK Zentrum für zeitgenössische Kultur, in der Galerie Manifesto sowie auf der 58. Biennale von Venedig ausgestellt.
Sie erhielt Stipendien und Förderungen von Organisationen wie Culture Push, dem Socrates Sculpture Park, der Foundation for Contemporary Arts und dem Rockefeller Brothers Fund, neben weiteren. Im Jahr 2021 kehrte sie nach Bosnien und Herzegowina zurück und lebt und arbeitet derzeit in Sarajevo.
Hasan Nuhanović
Hasan Nuhanović ist Überlebender des Genozids von Srebrenica, ehemaliger UN-Dolmetscher, Menschenrechtsaktivist und Autor. Seit fast drei Jahrzehnten setzt er sich für Wahrheit, Gerechtigkeit und das Gedenken an die Ereignisse von 1995 ein. Als Autor zweier Bücher und durch seine internationale Arbeit gilt er als eine der wichtigsten Stimmen im Kampf gegen das Vergessen. Seine Perspektive verbindet persönliche Erfahrung mit politischem Engagement, dokumentarischer Genauigkeit und dem Einsatz für eine Erinnerungskultur, die Verantwortung übernimmt und gesellschaftlichen Wandel ermöglicht.
Hasan Nuhanović wurde 1968 in Zvornik, einer Stadt im Osten von Bosnien, geboren. Er studierte Maschinenbau in Sarajevo. Im April 1992, als sich die dramatischen Entwicklungen im Land ausweiteten, verließ Hasan seine Studentenunterkunft und zog zu seinen Eltern und seinem Bruder in ihre Heimatstadt Vlasenica. Als ethnische Säuberung und brutale Gewalt gegen die bosnischen Muslime in der Region um sich griffen, flohen Hasan und seine Familie in die Berge.
Nachdem sie kontinuierlichen Angriffen und Bombardierungen von Land und Luft ausgesetzt waren, erreichten Hasan und seine Familie zusammen mit Tausenden von Flüchtlingen Ende des Sommers Srebrenica. Die Stadt und die umliegenden Dörfer wurden von der Welt abgeschnitten, da die serbischen Truppen von allen Seiten angriffen. Die serbischen Behörden blockierten alle Hilfslieferungen auf dem Weg nach Srebrenica. Die Strom- und Wasserversorgung wurde abgestellt, und die Bevölkerung war Hunger und extremen Lebensbedingungen ausgesetzt. Die Situation verschlechterte sich in den kalten Wintermonaten.
Die Stadt stand kurz davor, am 16. April 1993 in die Hände der angreifenden serbischen Truppen zu fallen. Am selben Tag verabschiedete der UN-Sicherheitsrat die Resolution 819, die Srebrenica und die umliegenden Gebiete zu einem UN-Sicherheitsbereich erklärte. Hasan begann, mit dem Team der UN-Militärbeobachter als Übersetzer zu arbeiten – eine Aufgabe, die er in den nächsten zwei Jahren erfüllen sollte.
Als zu Beginn des Juli 1995 ein groß angelegter Angriff auf Srebrenica startete und die UN-Administration versagte, den Fall des UN-Sicherheitsbereichs zu verhindern, betraten die serbischen Truppen am 11. Juli die Stadt. Tausende von Flüchtlingen suchten Zuflucht in und um das niederländische UN-Bataillonslager in Potočari, mehrere Kilometer nördlich von Srebrenica. Zwei Tage später vertrieben die Niederländer alle Flüchtlinge aus dem Lager und übergaben sie den Serben. Als UN-Mitarbeiter durfte Hasan im sicheren Bereich des Lagers bleiben, aber die Niederländer befahlen, dass sein Bruder und seine Eltern das Lager verlassen sollten – sie wurden nie wieder lebend gesehen.
Seitdem setzt sich Hasan Nuhanović dafür ein, die Wahrheit über den Genozid zu verbreiten. Im Rahmen seiner Kampagne für Wahrheit und Gerechtigkeit hat er vor verschiedenen Foren und Institutionen weltweit ausgesagt. In enger Zusammenarbeit mit den Müttern von Srebrenica und anderen Überlebenden spielte er eine wichtige Rolle bei der Errichtung des Srebrenica-Genozid-Gedenkmals in Potočari.
Um Gerechtigkeit für seine ermordete Familie und andere Opfer zu erlangen, hat Hasan rechtliche Schritte vor dem niederländischen Zivilgericht unternommen. Am 6. September 2013 entschied der Oberste Gerichtshof der Niederlande, dass der Staat der Niederlande für den Tod von Hasans Familienmitgliedern verantwortlich ist. Dieses wegweisende Urteil setzte einen wichtigen Präzedenzfall im internationalen Recht hinsichtlich des Verhaltens von Truppen, die unter der UN-Flagge dienen.
Hasan ist Autor von zwei Büchern: „Zbijeg/The Last Refuge“ (2012), das 2020 auch auf Türkisch unter dem Titel „Son Sığınak“ veröffentlicht wurde, und „Under the UN Flag“ (2007). In „The Last Refuge“ beschreibt Hasan die Ereignisse, die sich im Osten Bosniens abspielten, bevor die Stadt Srebrenica zu einem UN-Sicherheitsbereich erklärt wurde, während das Buch „Under the UN Flag“ eine detaillierte Dokumentation der Ereignisse im Juli 1995 bietet.
Heute arbeitet Hasan als strategischer Planungsberater für das Srebrenica-Genozid-Gedenkzentrum.
Jasminko Halilović
Jasminko Halilović ist der Gründer und Generaldirektor des War Childhood Museum (WCM), dem weltweit einzigen Museum, das sich den Erfahrungen von Kindern widmet, die vom Krieg betroffen sind. Das WCM erhielt den Museums-Preis des Europarats im Rahmen des Programms „European Museum of the Year“.
Jasminko ist seit seinem 16. Lebensjahr Unternehmer und hat mehrere Unternehmen mitgegründet, bevor er sich vollständig seiner gemeinnützigen Initiative, dem War Childhood Museum, widmete. Jasminko hat mehrere Bücher geschrieben und bearbeitet, darunter das preisgekrönte „War Childhood“, das in sechs Sprachen übersetzt wurde. Er war als Hauptredner auf Konferenzen in mehr als 15 Ländern tätig, die sich mit Museen, Friedensarbeit und Unternehmertum befassen. Jasminko hält regelmäßig Vorträge an Universitäten weltweit und hat Beiträge in Medien wie The Huffington Post, Asahi Shimbun und Politico veröffentlicht.
2018 wurde er der erste Bosnier in der Forbes-Liste „30 unter 30“ in Europa, und 2023 wurde er als European Young Leader (EYL40) ausgezeichnet.
© Dennis König Photographie
Erwin Aljukić
Erwin Aljukić, geboren am 28. März 1977 in Ulm als Sohn ehemals jugoslawischer Gastarbeiter, aus einer bosnisch-muslimischen Familie stammend, ist Schauspieler, Tänzer, Sprecher und Model.
Erste Bühnenerfahrungen sammelte er am Ulmer Podium. Einem breiten Publikum wurde Aljukić durch seine langjährige Rolle als EDV-Techniker Frederik Neuhaus in der ARD-Serie Marienhof bekannt, in der er von 1998 bis zur Einstellung im Jahr 2011 zum Hauptcast gehörte. Parallel hierzu studierte er Modejournalismus an der Akademie Modedesign (Thema seiner Diplomarbeit: „Mode und Islam“).
Auch in weiteren Produktionen war er zu sehen, etwa in der Kino- Komödie Wo ist Fred? als Niklas oder in der TV-Produktion „Kroymann“. Bevor er 2018 Ensemblemitglied am Staatstheater Darmstadt wurde, kam er in Berührung mit dem zeitgenössischen Tanz, was ihn zu Zusammenarbeiten mit etwa der Candoco Dance Company in London, Axis in Kalifornien oder Choreographen wie Doris Uhlich in Wien brachte.
Seit 2020 ist er festes Ensemblemitglied an den Münchner Kammerspielen.
Parallel zu seiner Arbeit engagierte sich Aljukić stets als Person des öffentlichen Lebens für die Rechte der LGBTQ-Community (etwa in der Kampagne #actout), Menschen mit Behinderung (als Botschafter der Antidiskriminierungsstelle des Bundes) oder von Migranten (z.B. durch zahlreiche Aktivitäten als Botschafter des Münchner Vereins „Hilfe von Mensch zu Mensch“).
Die Veranstaltung ist kostenlos. Aber gerne kannst du einen von dir gewählten Betrag spenden.

