Rückblick: 30 Jahre Srebrenica – Erinnerung als Verantwortung
2025 ist ein Jahr des kollektiven Innehaltens. 80 Jahre nach der Befreiung von Auschwitz und 30 Jahre nach dem Genozid von Srebrenica rücken Fragen in den Vordergrund, die nicht vergangen sind: Wie erinnern wir? Wer erinnert? Und was bedeutet Verantwortung, wenn die Stimmen der Zeitzeug*innen leiser werden?
Erinnerung ist eine Entscheidung – und eine Einladung.
Im Mai 2025 hat ausARTen gemeinsam mit vielschichtigen Partnerinstitutionen, Aktivistinnen, Schulen und Künstlerinnen den Versuch gewagt, neue Formen des Gedenkens an den Genozid in Srebrenica sichtbar zu machen. Im Zentrum: die Ausstellung SPATIUM MEMORIAE – ŠTO TE NEMA der bosnisch-amerikanischen Künstlerin Aida Šehović. Zum ersten Mal wurde das weltweit beachtete, partizipative Mahnmal in München gezeigt – getragen von einer vielstimmigen, postmigrantischen Gemeinschaft. München wurde zum Resonanzraum – ein Ort, an dem Erinnern als kollektiver Akt möglich wurde.
Ein kollektiver Raum des Erinnerns
ŠTO TE NEMA besteht aus mehr als 8.372 gespendeten bosnischen Kaffeetassen – fildžani – jede einzelne steht für ein ermordetes Leben in Srebrenica. Die Installation ist kein abgeschlossenes Denkmal, sondern ein lebendiges Archiv, ein ritueller Akt. Bei der interaktiven Performance trugen Besucher*innen – darunter zahlreiche Schulklassen – gemeinsam mit der Künstlerin Aida Šehović die Tassen mit Achtsamkeit in das archivarische System der Ausstellung ein. Eine Geste des kollektiven Erinnerns. Jede Berührung wurde zur Geste: gegen das Vergessen, für das Erinnern. Viele dieser Tassen stammen von Müttern, Schwestern, Kindern der Ermordeten. Einige von denjenigen, die nie eine Grabstätte finden konnten, doch ein Symbol schufen: “Wenn ich wenigstens etwas von meinem Sohn zum Beerdigen hätte… So ist es fast, als hätte es ihn nie gegeben.” Diese Mutter spendete einen Fildžan, um ein sichtbares Zeichen gegen das Vergessen und die Leugnung zu setzen. Jede Tasse wird so zum Akt des Widerstands. Gegen das Vergessen. Für das Erinnern.
Ein Ort für viele Geschichten
Am 16. Mai 2025 wurde die Ausstellung mit einer feierlichen Vernissage und einem bewegenden Panel eröffnet. Jeder Platz war besetzt, viele standen. Das Interesse war überwältigend. Unter den Gästen: Vertreter*innen der bosnischen Community, der Roma- und Sinti-Community, der uigurischen Diaspora, Menschen mit familiären Wurzeln aus Abchasien und Pakistan – und viele mehr. Der gemeinsame Nenner: das Bewusstsein, dass Erinnerung nur gemeinsam gelingt.
Auf dem Podium sprachen Aida Šehović, Hasan Nuhanović – Überlebender und ehemaliger UN-Übersetzer – sowie Jasminko Halilović, Gründer des preisgekrönten War Childhood Museum. Sie erzählten von Verlust, Kampf, Widerstand und Unmöglichkeit der Heilung, solange der Genozid noch geleugnet wird und Täter*innen frei rumlaufen. Jasminko brachte einen Gegenstand aus dem Museum mit, der das Publikum tief bewegte: “Der Pass meines Vaters” so der Titel. Ein gespendetes Exponat des Museums, Symbol einer Kindheit im Krieg, dem Verlust eines Vaters und das einzige was von ihm blieb. Welches später an das Museum gespendet worden ist, um seine Geschichte niemals vergessen zu lassen. Wie Jasminko sagte: “Wir lehnen keinen Gegenstand ab, der für ein Kind im Krieg bedeutsam war.”
Ein Archiv aus 2.450 kg Hoffnung und Verantwortung
Bereits beim Aufbau der Ausstellung zeigte sich, was kollektives Erinnern bedeuten kann: Jugendliche und junge Erwachsene aus albanischen, bosnischen, deutschen, kosovarischen, ägyptischen, palästinensischen, jemenitischen, nigerianischen, türkischen, abchasischen und pakistanischen Familienhintergründen halfen, das 2.450 kg schwere Archiv mit seinen 8.372 Tassen und Regalen in die Karmelitenkirche zu tragen. Ein physischer Akt der Solidarität. Ein sichtbares Zeichen der Verbundenheit.
Film und stille Tränen
Zwei Tage später: Die Premiere des Films Where Have You Been von Aida Šehović und Mirko Pincelli im NS-Dokumentationszentrum. Der Saal war überfüllt, Stühle wurden nachgestellt. Die meisten der Gäste waren zum ersten Mal hier – an einem Ort, der an diesem Abend auch ihrer war. Als der Film endete, war es still. Eine dieser Stillen, in der niemand zu klatschen wagt. Dann: Applaus. Lang. Tief. Still weinend.
Besonders bewegend: Eine Frau aus Serbien/Kroatien erhob sich, entschuldigte sich. Für das Schweigen. Für das Wegsehen. “Es ist keine Loyalität, sich mit Tätern zu solidarisieren”, sagte sie. Niemand im Raum vergaß diesen Moment.
Erinnern als Widerstand – der Workshop
Im Rahmen der Ausstellung fand auch der Workshop ŠTO TE NEMA Monument Lab statt. Gemeinsam mit Aida Šehović trafen sich Menschen verschiedenster Herkunft im Ritual der bosnischen Kaffeekultur. Sie zeichneten, schrieben, lasen. Sie fragten: Was kann Erinnerung bewirken? Wie kann Kunst heilen? Es war ein Raum voller Unterschiede – religiös, säkular, jung, alt – und doch vereint im Wunsch, nicht zu vergessen.
Die Verantwortung des Gedenkens – ein akademischer Abschluss
Den Abschluss der Veranstaltungsreihe bildete ein gut besuchter Vortragsabend im Rahmen der Ausstellung ŠTO TE NEMA – Warum bist du nicht mehr hier?, der sich mit der Bedeutung und den Herausforderungen kollektiver Erinnerungskultur beschäftigte. Mit Vorträgen von OStRin Havva Doksar und Fabian Heindl wurde deutlich: Erinnerung ist kein statischer Rückblick, sondern ein dynamischer gesellschaftlicher Prozess. Im Zentrum stand die Auseinandersetzung mit dem Holocaust als paradigmatisches Modell der Vergangenheitsbewältigung in Deutschland – und der Blick nach Srebrenica: Wo Erinnerungskultur nicht nur moralische Verpflichtung ist, sondern auch demokratische Notwendigkeit und gesellschaftlicher Heilungsprozess. In Kooperation mit der Ludwig-Maximilians-Universität München, dem Geschwister-Scholl-Institut für Politikwissenschaft und dem Forschungsprojekt „Die Kinder des Balkans“ wurde ein Brückenschlag gewagt – zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.
Was bleibt, wenn der letzte Fildžan verpackt ist?
Mit dem Abbau der Ausstellung SPATIUM MEMORIAE in der Karmelitenkirche endete kein Projekt. Es begann etwas. Denn jede Person, die half, die trug, die erzählte, trägt Erinnerung weiter. Die Helfer*innen kamen aus Bosnien, Togo, dem Jemen, Nigeria, Palästina, Deutschland, der Türkei, Kroatien, Serbien, Ost-Turkistan, Albanien, Kosovo, Abchasien, Pakistan. Viele von ihnen kannten sich vorher nicht, viele hatten keinen direkten Bezug zu Srebrenica. Und doch waren sie sich einig: Erinnerung geht nur gemeinsam.
München: Ein Resonanzraum des Erinnerns
Heute leben rund 200.000 Menschen mit Bezug zum westlichen Balkan in München – viele kamen als sogenannte Gastarbeiter*innen, andere flohen vor den Kriegen der 1990er Jahre.
Für viele war es das erste Mal, dass sie einen Ort der Erinnerung in dieser Stadt als “ihren” erleben durften. Ein Raum, der offen war für ihre Geschichten. Für ihre Stimmen. Für ihr Leid – und für ihre Hoffnung.
Erinnerung ist kein Luxus. Sie ist Voraussetzung für Frieden.
Wir danken allen, die Teil dieses Weges waren: den Partnerinstitutionen, Besucherinnen, Volontärinnen, Schülerinnen, Künstlerinnen, Aktivist*innen. Ihr habt nicht nur geholfen, ein Mahnmal aufzubauen – ihr habt geholfen, Verantwortung zu tragen.
Denn: Verantwortung bedeutet Einsatz.
Und Einsatz gibt Hoffnung.
Für ein nie wieder – für alle.
